Abibilanz einer Schülerin

Fünf Tage für Biologie. 
Drei einhalb Tage für Politik. 
Fünf Stunden für Deutsch. 
Zwei für Englisch. 

Das war’s. Mehr habe ich nicht für mein Abitur „gelernt“.
Mit „gelernt“ meine ich dagesessen, Stapel von Büchern in den Händen, Notizen und Arbeitsblätter aus vier Semestern und vollgekritzelte Hefte die halb auf meinem Mittagessen liegen und jene Motivation die sich „Panik“ nennt zum Grund um irgendetwas mit diesen Papierbergen anzufangen. Ich meine Notizen schreiben, Youtube-Videos zur Erläuterung suchen, Texte lesen, wieder und wieder bis ich es verstanden habe und mit quälender Erleichterung den Stapel Blätter schrumpfen sehen, den ich noch abarbeiten muss, gleichzeitig aber auch kraftlos ernüchternd erfahren, wie wenig ich wirklich noch weiß.
Ernüchternd, so würde ich den ganzen Prozess nennen. Trotz aller Vorgaben und Einschränkungen im Kerncurriculum erlebte ich, wie ich alles wiederholte, was ich noch hatte, wie ich mich auf Shakespeare vorbereitete, weil ich auf ihn hoffte und Medienkritik unter den Teppich fallen ließ um nicht wahnsinnig zu werden.
Auf Lücke habe ich gelernt, ich gebe es ja zu. In Bio wusste ich vor dem „Lernen“ genausoviel über Evolution wie danach und glaube mal keiner, ich hätte die Englischlektüren auch bloß noch einmal angesehen. Es gibt die Schüler, die glauben inbrünstig, dass es gar nicht anders geht, dass man sich nur vorbereiten kann, wenn man auf Lücke lernt. Aber hätte ich rechtzeitig angefangen für meinen Schulabschluss, der über den Rest meiner Karriere entscheidet lernen statt mich mit den unwichtigen Dingen des Lebens zu befassen (Beziehung, Freunde besuchen, für Universitäten bewerben, Auslandsjahr planen, Abschlussarbeit für Kunstschule schreiben etc.), dann hätte ich auch nichts auslassen müssen.
(Getan hätte ich es wohl trotzdem.)

Viel mehr interessiert es wohl, ob ich es geschafft habe, mit diesem „wenigen“ Lernstunden (die wesentlich mehr waren als was so manch anderer für sein Abi direkt investiert hat) ein halbwegs vernünftiges Abi zu schreiben. Die Antwort ist: Keine Ahnung. Meine Ergebnisse kommen noch.
Beim Bearbeiten der Aufgaben allerdings fiel mir auf, wie viel unnötige Arbeit ich mir gemacht hatte. In Bio hätte man mit minimalen Grundkenntnissen anhand des Materials alles erarbeiten können. In Englisch wurde beim einen Aufgabenvorschlag gefragt, ob Jay-Z (wer ist das überhaupt?) den American Dream lebt und ob er ein gutes Vorbild für Kinder ist.
Ich werde ehrlich sein: Dies Abitur war verdammt einfach. Die Lehrer sagen es selbst. Ob es nächstes Jahr wieder so einfach ist, weiß ich nicht. Aber die meisten Aufgaben hätte man mit ein klein wenig Verstand gelöst bekommen, ohne Stress und ohne viel zu Lernen.
Und wenn man vor einer Klausur sitzt und keine Ahnung hat von dem, was die wollen (ist mir in Bio passiert, ich sag nur Evolution)? Dann nimmt man halt das, wo man immerhin etwas weiß. Der Rest ergibt sich oft von selbst. Überall außer in der mündlichen Prüfung hatten wir mindestens zwei Vorschläge, irgendwas davon kann man, auch wenn man sich angestellt hat wie ich.
Wenn ich dies Abitur verhauen habe, dann aus eigener Dämlichkeit.

Leute, ich habe etwas mehr als eine Woche an „Lernen“ in mein Abi investiert. Stresst euch nicht vor eurer Reifeprüfung, es ist machbar, wenn ihr nur den Kopf klar haltet.
Denn vergesst nicht, selbst meine Bilanz an Lernzeit müsste eigentlich so aussehen:
13 Jahre für Deutschunterricht, 18 Jahre Sprachübung.
Zwölf Jahre für Sachunterricht, Naturwissenschaften und Biologie, 18 Jahre Faszination, unzählige Stunden auf Wikipedia.
Zwölf Jahre evangelischer Religionsunterricht, Gesellschaftslehre und Politikunterricht, 18 Jahre kulturelles Bewusstsein.
Elf Jahre Englischunterricht, 18 Jahre Sprachübung.

Übt, lernt, passt im Unterricht auf und macht eure Hausaufgaben (anders als ich) brav und regelmäßig. Dann schafft ihr das.

Viel Glück.

Rebecca Gundlach