3 Fragen an …

Helen Wobbe vermittelt als Kunstpädagogin zeitgenössische Kunst in der Kestnergesellschaft. Zeitgenössische Kunst meint die Kunst unserer Gegenwart. Fragestellungen und Gedanken der Künstler und Künstlerinnen stehen hier häufig im Vordergrund, die Ästhetik tritt einen Schritt zurück. Gegenwartskunst ist vielfach politisch motiviert oder nimmt kritisch Stellung zur Zeitgeschichte. Drei Fragen an Helen Wobbe, welche Bedeutung die Kunst in unserer Gesellschaft hat, die bedrohlich ins Wanken geraten ist.

Liebe Frau Wobbe, welche Bedeutung hat zeitgenössische Kunst in einer Welt, die aus den Fugen gerät?

Gerade in politisch schwierigen Zeiten entsteht oftmals bedeutende Kunst. Häufig beschäftigen sich Künstlerinnen und Künstler in solchen Phasen mit politischen oder gesellschaftskritischen Themen, an denen sie sich reiben und zu denen sie ihren künstlerischen Beitrag leisten möchten. Vor allem durch diesen Umstand nimmt zeitgenössische Kunst eine wichtige Rolle in unserer Gesellschaft ein: Sie erinnert uns an Vergessenes oder Vernachlässigtes, macht uns auf Missstände aufmerksam, fordert eine Auseinandersetzung und Stellungnahme von uns als Betrachter und regt einen öffentlichen Diskurs an.

Muss Kunst heute politisch sein?

An erster Stelle „muss“ Kunst erst einmal gar nichts. Im Zuge der Kunstfreiheit als Artikel unseres deutschen Grundgesetztes sind der Bildenden Kunst weder Grenzen gesetzt noch Richtungen vorgegeben. Ich persönlich finde es sehr wichtig und erfreulich, dass viele Künstlerinnen und Künstler politische und gesellschaftliche Themenfelder aufgreifen und verarbeiten. Zeitgenössische Kunst fordert uns immer wieder auf, über unbequeme, aber relevante politische Themen nachzudenken, und leistet einen wichtigen Beitrag zur Reflexion unserer eigenen Meinung.

Die Bilderwelt ist massiv im Umbruch. Welchen Einfluss haben Kanäle wie Instagram und Snapchat auf die Kunst?

Ich denke, dass Social-Media-Kanäle in der Masse keinen großen Einfluss auf die Kunstproduktion haben. Die Rezeption von Kunst, die Kunstvermittlung und der Kunstmarkt jedoch sind stark durch diese Medien, über die sich Abbildungen von Kunstwerken extrem schnell verbreiten lassen, beeinflusst. Wir als Nutzer dieser Kanäle werden durch die Bilderfluten überreizt. Die Bilder, die uns begegnen, verharren immer kürzer in unserem Gedächtnis. Die Betrachtung und Rezeption von Kunst ist heute nicht mehr – wie Jahrhunderte lang zuvor – nur vor dem Original an seinem Ausstellungsort möglich, sondern anhand von digitalen Abbildungen jederzeit an jedem Ort. Daraus ergeben sich für die Kunst aber auch Chancen und Möglichkeiten – sowohl für die Vermarktung von Kunst und Künstlerpersönlichkeiten, für Institutionen und Galerien als auch für Künstlerinnen und Künstler selbst, die sich immer häufiger auch mit sozialen Netzwerken auseinandersetzen.

Melanie List