Die Vision Europas

Hannover, DEU, 02.08.2017, Bundesaussenminister Sigmar Gabriel trifft sich mit Schüler auf Initiative der TUI Stiftung.

Von Hannah Lynn Jordan.

Der Außenminister kommt nach Hannover, um sich zu unterhalten. Mit jungen Europäern. Er selbst hat um diesen Termin gebeten. Das ist selten. Sigmar Gabriel ist ein vielbeschäftigter Mann. Am Vormittag vertrat er noch die momentan Urlaub machende Angela Merkel in Berlin, wenig später sitzt er im Flieger Richtung TUI-Stiftung.

Das Aufgebot ist groß, wenn ein Minister und Vizekanzler zu Gast ist. Sicherheitspersonal des Bundeskriminalamtes, Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, Vertreter der TUI-Group, dem Gastgeber, die Presse, ein Moderator und natürlich wir, die jungen Europäer – zwei Auszubildende, zwei Studenten und sechs Schülerinnen der IGS Roderbruch.

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Hannover, DEU, 02.08.2017, Bundesaussenminister Sigmar Gabriel trifft sich mit Schüler auf Initiative der TUI Stiftung.

Doch bevor es los gehen kann, bekommen wir erst einmal ein Briefing. Wer ist Sigmar Gabriel eigentlich? Wieso hat er um diese Diskussion gebeten? Die TUI-Stiftung hatte im Januar und Februar eine wissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben, die sich mit den Meinungen junger (West-)Europäer über Europa und die EU auseinandersetzt. Kurz vor den wichtigen Wahlen in Frankreich war diese dann erschienen und hatte für großes Aufsehen in Berlin gesorgt.

Dann werden wir in den Konferenzraum gebeten. Noch ist der Minister nicht da. Ein wenig Zeit verstreicht, dann sollen wir uns hinzustellen. Sigmar Gabriel betritt den Raum. Viele Hände werden geschüttelt und ein paar obligatorische Pressefotos gemacht. Dann dürfen wir uns wieder setzen.

Der Moderator, Daniel Bröckerhoff, leitet ein. Wie habe denn Herr Gabriel Europa in seiner Jugend wahrgenommen? Als Befreiung, antwortet dieser. Zum ersten Mal habe er die Welt auf einem kostenlose Austausch nach England erlebt. Deshalb kritisiert er, dass unter Jugendlichen die Verbindung zwischen der Europäischen Union und Freiheit verloren gehe. Die EU dürfe kein „fremdbestimmtes Wirtschaftsprojekt“ sein. Des weiteren stellt er klar, dass Deutschland ganz eindeutig zu den Netto-Gewinnern der EU gehört.

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Hannover, DEU, 02.08.2017, Bundesaussenminister Sigmar Gabriel trifft sich mit Schüler auf Initiative der TUI Stiftung.

Dann sind wir gefragt. Was gefällt euch an der EU? Was nicht? Stichpunkte wie Reisefreiheit, die Währungs- und Wertegemeinschaft werden als die größten Pro-Europa Punkte genannt. Allerdings würde die Europäische Union zu wirtschaftlich werden, die „europäische Identität“ wäre nicht ausgeprägt genug – sprich: viele Europäer sind nicht der Meinung, dass Europa ein Teil ihrer Identität sei – und Informationspolitik und Bürokratie seien zu undurchsichtig.

Gabriel versucht nicht die komplizierte Bürokratie Brüssels abzustreiten. Im Gegenteil, er bezeichnet sie als absolut notwendig. Mit 28, bald 27, Mitgliedsstaaten, die alle ein Mitbestimmungsrecht bei Entscheidungen haben, sei es nun einmal nicht einfach das ganze zu koordinieren. Die verworrene Bürokratie sei nötig, um der Entstehung von Bestimmungsmonopolen  weit es gehend vorzubeugen.

Die Europäische Union sei, laut dem Außenminister, gerade für unsere Generation extrem wichtig. Denn während die Bevölkerung in Afrika und Asien weiter ansteigt, schrumpft sie in Europa. Und das habe Folgen. Ein europäisches Land alleine habe global gesehen keinen Einfluss, deshalb gebe es auch von außen immer wieder Versuche Europa zu spalten. Denn nur wenn Europa sich zusammen tut, hat es eine Stimme in der internationalen Politik.

Die Vision Europas sei also, dass wir in der Welt gehört werden. Und das scheint das zentrale Thema, an diesem Tag zu sein, das vor allem Herrn Gabriel wichtig ist. Man merkt, dass er von dem, was er sagt, überzeugt ist.

Aber auch über den ansteigenden Rechtsextremismus wird diskutiert. Gabriel sagt deutlich, dass es nicht zu sozialen Konflikten zwischen der einheimischen Bevölkerung und Immigranten kommen dürfe. Die meisten Menschen würden rechte Parteien aus Protest wählen, weil sie sich von der Politik vergessen fühlen. Man müsse also aufpassen, dass einem nicht Teile der Gesellschaft entgleiten.

Dann ist die Zeit für die Diskussion auch schon um. Der Außenminister muss weiter. Aus dem Konferenzraum geht es in Richtung Buffet. Noch ein paar letzte Fotos und schon ist Sigmar Gabriel weg, so schnell wie er gekommen ist.